Grase dann, Grautier
Crowned for two years in 2026, Belgian poet Ruth Lasters has been tasked with writing 12 original poems, which Passa Porta is helping to translate into French and German. Discover her third poem, entitled "Grase dann, Grautier".
The poem has been translated into German.
Ach, die Zebras werden später, mein Herz, über diese Erde herrschen.
Sie, Meister darin, jenseits von Schwarz-Weiß zu essen, trinken, traben
über alle Vorurteile und Missverständnisse hinweg.
Und sie werden herdenweise aufrücken von der Küste bis
in die Städte, alle Extreme mit ihrem Fell versöhnend,
dem starken Kontrast.
So viel grau gewordenes Gras von Schlachtfeldern werden sie grasen
dass irgendwann ein Fohlen geboren wird, grau gestreift: Nuancierung
auf vier Beinen, auf denen der Weltfrieden endlich
angeritten kommen will. Glaubst du? Glaubst du? Ja, ja gewiss.
Aber fürchtest du nicht, dass
gerade Diktatoren Zebras statt Schafe zählen in der Nacht,
vorzugsweise jeden und alles, der nicht zwischen den Zeilen liest
in Jasager und Widersacher einteilend?
Als zählten sich Tyrannen in den Schlaf, was für ein Humbug, Unfug.
Das Gefühl, im Traum zu fallen, das jeder kennt,
rührt daher, weil irgendwo in weiter Ferne ein Despot
seiner Gräueltaten zum Trotz
völlig unbehelligt schlummert, oder?
Könnte es nicht sein, dass ein Zebra geboren wird
immer wenn ein Götterkind hier droben
seine Venn-Diagrammen-Lehre-Hausaufgabe
nicht macht
den Durchschnitt all dessen nicht schraffiert, was Menschen verbindet: Sicherheitsbedürfnis,
Anerkennung, Zärtlichkeit.
Möglich ist vieles. Aber schwöre mir, schwöre mir Lieber, Liebste,
dass du meiner Herde aus Wir/Sie-Gedanken, wenn sie das nächste Mal heranstürmt,
Grautöne füttern wirst aus deiner Hand, aus deinem Alle-anders-Herzen,
deiner Flügelschlagader. Bitte küsse mich dann, mondlos, gern auch ohne
Zucker, einfach schwarz ohne Angst
parce que la nuit, tous les zèbres sont gris.
Übersetzung: Isabel Hessel